ferienwetter
Sommer herrscht. Sagt der Kalender. Auch heute, Mitte Juli. Nun – der Kalender weiß es. Das Wetter dagegen anscheinend nicht. Ferienwetter herrscht: Wetter zum Wegfahren dahin wo schöneres Wetter ist. Die Nächte nass und regnerisch, die Tage oft auch, und am Arbeitsplatz stapelt sich die Arbeit. Dabei herrscht dort eigentlich gähnende Leere.
Eigentlich müsste Lärm sein, drängende Enge, Gewusel, Stress. Denn mein Arbeitsplatz ist ein Freibad. Besser gesagt: war ein Freibad. Vor fünf Jahren war die Gemeinde dessen überdrüssig: Zu alt, zu klein, zu marode, zu teuer. Fünfzehntausend Mark im Jahr, so flüsterte man, hatte früher angeblich allein das Rasenmähen gekostet. Teuer – wie vieles bei der Gemeinde: Kosten für festangestellte Arbeiter, die sonst etwas anderes zu tun haben, für Maschinen, die sonst auch in der Gemeinde Verwendung finden, für Kraftstoff und Entsorgung des Grasschnitts in der gemeindeeigenen Kompostierung. Kosten also, die großteils von einem Gemeindetopf in den anderen flossen.
Ok, Sanierungsbedarf bestand auch: Undicht, veraltete Pumpen, Filter, Sanitäranlagen. Sanierungsbedarf ohne Ende. Bleibt nicht aus bei einer Anlage, die heuer fünfzig Jahre alt wurde. Es war das erste Freibad überhaupt im heutigen Gemeindeverbund; es entstand mit Unterstützung einer großen Metallfirma im Ort, die damals boomte, und der es heute noch nicht schlecht geht. Zuerst ein Becken, Wasser vom Bach, davor ein Koksfilter. Umkleiden? Sanitäranlagen? Warme Duschen? Unwichtig. Das Bad war da, wurde genutzt und geliebt. Die nächste Schwimm-Möglichkeit wäre 15 Kilometer weg in der Kreisstadt gewesen, und wer hatte damals ein Auto?
Ok, der Ortsteil hat einen Bahnhof. Gleisanschluss, hauptsächlich für die Schwerindustrie. Aber ein eigenes Freibad lag halt nahe. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Einige Jahre später kam dann eine moderne Umwälz- und Chlorgasanlage, Leitungs- statt Bachwasser, kamen Duschen, Klos und Umkleiden. Noch ein wenig später wurde im Hauptort ein zeitgemäßes Freizeitzentrum auf die grüne Wiese geklotzt. Mit Fünfzigmeterbecken, Sauna, Hallenbadteil, später mit Eisbahn und Squash-Halle erweitert.
Das kleine alte Bad im Ortsteil war zwar weiterhin gut besucht, fiel aber allmählich der Vernachlässigung anheim. Die Gemeinde hatte vor, es zu schließen um den Kostenfresser los zu sein. Das war vor sechs Jahren. Die Eingeborenen allerdings wollten ihre lokale Planschgelegenheit erhalten. Genau wie die Bahnlinie, die stillgelegt werden sollte, weil der Transport auch von Schwergut über die Straße kostengünstiger war. Vor fünfzehn Jahren fuhr ich auf einer Sonderzugfahrt auf dieser Strecke einmal mit, und es war faszinierend, den Leuten in die Gärten und den Firmen aufs Werksgelände zu schauen.
Mit der Bahn haben sie es geschafft: Zwei Orte weiter ist eine Waggonfabrik – sie stellt heute noch Fahrgestelle für ICEs her -, bis dort reicht die Strecke noch. Danach gibt es einen zugewachsenen Bahndamm. Der Bahnhof im anschließenden Hauptort ist Geschichte, geplättet vom Einkaufszentrum und der neuen Umgehungsstraße. Ok, die war notwendig. Die Anwohner der Durchgangsstraße erstickten fast an Lärm, Stau und Dreck. Aber die Bahn war weg, die restliche Trasse zum Teil an die Anlieger verkauft und nichtmal mehr als Radweg verwendbar. Damit nie wieder jemand drauf kommt, sie zu reaktivieren. Dabei hatten sie jahrelang für ihre Johannlandbahn gekämpft. Vergebens. Es war politisch nicht gewollt, und für Privatinitiative fehlte der große Sponsor. Jetzt stehen sie im Stau und jammern gemeinsam über Zeitverlust und über die Spritpreise. Vielleicht ist es symptomatisch: In diesem Ort begann und endete einst die erste motorisierte Omnibuslinie der Welt.
Aber zurück zu dem Ortsteil mit dem kleinen alten, gammeligen Freibad mit 25-Meter-Becken und Dreimeterbrett, das die Gemeinde auch nicht mehr wollte.
Nun. Sie ist es los, das Bad. Seit fünf Jahren. Das alte Bad gibt es nicht mehr – zumindest nicht so, wie es war. Die Einwohner hatten selbst dafür gesorgt: einen Trägerverein gegründet, ein Konzept entworfen, zusammen mit einem Architekten aus Süddeutschland, und in die Hände gespuckt. Das Becken geleert, Chlorgasanlage und Filter herausgerupft, die Pumpenanlage umgebaut, am anderen Ufer des Baches ein Loch gebuddelt, die Beckenwände teilweise weggeknackt, neben dem alten Sprungbrett, das ebenfalls dran glauben musste, ein vier Meter tiefes Loch mit zehn Metern Durchmesser gegraben, Felsblöcke aufgeschichtet, die verbliebenen Mauern erhöht und Wände und Boden mit spezieller Teichfolie ausgekleidet.
Das alte, baufällige Kleinschwimmbad mutierte innerhalb eines Winters und eines halben Sommers zum Naturerlebnisbad: Das Wasser nicht mehr blau, sondern grün; kein Chlor, sondern biologisch-mechanische Reinigung mittels eines Regenerationsteichs – wie angedeutet auf dem gegenüberliegenden Bachufer. Die alten Pumpen sind gut genug, das Badewasser hin- und wieder zurück zu pumpen, die alte Gasheizung reicht aus, es auf 22 Grad zu erwärmen, wenn die Sonne den Teich nicht genügend aufheizt. So ging die Anlage im Herbst 2004 mit einigen Geburtswehen wieder in Betrieb. Holzstege um den Schwimmbereich, keine Liegewiesen, da die Baumaßnahmen so ziemlich alles zerwühlt hatten. Aber das störte die Besucher nicht – für die letzten zwei Wochen Badebetrieb des Jahres. Im Folgejahr wurde die Anlage in der Presse erwähnt. Die Frühlingstage vergingen nicht ungenutzt: Neue Liegeflächen, Grünanlagen, ein Volleyballfeld und die Rudimente eines Kleinkinderbereichs kamen hinzu – durch die Arbeit der Vereinsmitglieder.

Anfang 2006 räumte der Orkan einen Teil des alten Baumbestandes ab. Die Schäden wurden beseitigt, die alte orangene Kunststoffrutsche am Kinderbecken montiert.
Ende der Saison gab es Druck. Vom Landwirtschaftsministerium. Irgendwelche Berechtigten hatten ihnen zustehende Fördergelder nicht abgerufen, und die wurden jetzt frei für neue Antragsteller. Die Anträge mussten binnen zwei Wochen mit Planungsunterlagen gestellt sein. So schnell hat wohl kaum jemand Fördergelder zur Sanierung sanitärer Freibadeinrichtungen gestellt. Im Frühjahr 2007 waren die neuen Duschen und Toiletten betriebsbereit.
2008 waren betriebsbereit eine neue Edelstahlrutschbahn, ein Kletterturm und ein Sand- und Matsch-Spielplatz für die ganz Kleinen. Und nicht zu vergessen: der Rasentraktor.
Außerdem hatten Vereinsmitglieder über Winter eine Solarheizung installiert. Auf dem Dach des Hauptgebäudes. Diese Heizung besteht aus schwarzen Gummimatten mit Schläuchen darin, durch die Wasser fließt. Sie war alt, irgendwo abgebaut und dem Verein geschenkt worden. Ihr Zustand war eher mäßig: einiges war Schrott, aber der Rest konnte abgedichtet, zusammengesetzt und an die Heizungsanlage angeschlossen werden. Jetzt sorgen die alten schwarzen Gummischläuche auf dem Dach dafür, dass die Gasheizung kaum noch benötigt wird.
Nun – dieses neue alte Bad, fünfzig Jahre alt und seit fünf Jahren in Vereinshand und grünem Gewand, ist mein Arbeitsplatz. Rasen mähen, Planschbecken reinigen, Aufsicht, Volleybälle verleihen, Insektenstiche oder Schnittwunden versorgen. Freibad halt. Doch auch ein besondeses Bad. Wo sonst wuseln samstagsmorgens zehn bis 15 Vereinsmitglieder durch die Grünanlagen, schaufeln Kies im Nichtschwimmer oder streichen Dach und Wände? Wo sonst gibt es ein Freibad, wo Kinder sich bei der Aufsicht nicht nur “Schwimmnudeln”, sondern auch Eimer und Küchensieb leihen können, um damit Kaulquappen im Schwimmteich zu fangen und sie in einem Gewässer in der Nachbarschaft wieder auszusetzen? Wo sonst kann man von morgens Sechs bis abends um Neun mit eigenem Schlüssel als Besucher ins Freibad, auch wenn keine Aufsicht vor Ort ist?
Zurück zum Anfang: Es ist Mitte Juli, es ist Sonntag, ich bin auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz. Nicht wegen der Schwimmer. Davon werden nicht viele kommen bei dieser kühlen und wechselhaften Witterung. Ich fahre durch die Kreisstadt. Sie wirkt leer. Einigen sonntäglich gewaschenen Autos
begegne ich, und im Zentrum etlichen Fußgängern, meist älter, in sommersonntäglich heller Kleidung. Es ist eine sehr gläubige Bevölkerung hier, die meisten, denen ich begegne, werden auf dem Weg vom Gottesdienst zurück nach Haus sein, wo das Mittagessen zubereitet werden will. Und ich weiß, dass ich auch für diese Leute zu meiner Arbeit fahre. Denn nach ihrem sonntäglichen Mittagessen werden sie sich in ihre geputzen Autos setzen, mit heller Keidung und sauberen Schuhen, und ein Stückchen in die Umgebung hinausfahren, um sich irgendwo die Beine vertreten. Bei mäßigem Wetter wird sich die eine oder andere Gruppe schließlich auf dem Parkplatz des alten Freibades wiederfinden, wo das offene Tor, die Ruhe in der parkähnlich gestalteten Anlage mit ihren Pflanzen sie locken, einmal hereinzuschauen – als Sehleute, nicht als Badegäste. Bessere Werbung gibt es kaum… Später werde ich das Tor schließen und heimfahren, vorbei am alten Bahnhof, an dem kein Zug mehr hält, für den es jedoch auch einen Verein gibt, der sich darum kümmert und ein Bürgerzentrum daraus gemacht hat.

Wäre heute ein Werktag, so hörte ich wohl auch trotzdem den Pfiff einer Lokomotive, die zwei Waggons voller Stahlteile über die Hauptstraße schiebt, keine 50 Schritte vom Bahnhofsgelände entfernt. Denn die Firma, auf deren Initiative vor einem halben Jahrhundert das Freibad gebaut wurde, hat zwei Werke hier, rund zwei Kilometer von einander entfernt, und zwischen diesen fährt noch immer eine Werksbahn – mittlerweile ohne Anschluss an das weltweite Schienennetz. Dennoch hat auch diese Inselbahn ihre Berechtigung als Symbol, genau wie das alte Bad und der alte Bahnhof.
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