frischluft als problem
Nach dem Bericht über den GTL heute eine aktuelle Geschichte zum aktuellen Auto. Genauer: über kleine Youngtimer-Reparaturen oder Problemchen mit “Luxusautos”.
Das aktuelle Auto also ist ein Ford Sierra des Baujahrs 1991. Ihn bekam ich im Jahr 2009, nachdem mein Astra Im Alter von 250.000 km auf der Autobahn bei Stuttgart mit einem kapitalen Motorschaden verendet war. Gute Gebrauchtwagen zu bezahbaren Preisen waren damals rar. Jeder, der ein altes Auto hatte und etwas Geld, kassierte die Abwrackprämie. Der Markt war leergefegt, die Plätze der Autoverwerter voll: Viele Fahrzeuge kamen in noch einwandfreiem Zustand in die Presse, oft grad frisch vom TÜV.
Der Zufall wollte es, dass die kleine Autowerkstatt hier im Ort nach 18 Jahren einen Ford Sierra zurückgenommen hatte. Der Vater des Werkstattinhabers, damals noch Ford-Händler, hatte ihn neu einer älteren Dame verkauft, die nun nicht mehr selbst fahren wollte oder konnte. Der Wagen war jedes Jahr dort zur Inspektion – mit Laufleistungen um 1.700 Kilometer im Jahr(!). Kilometerstand im Juli 2009: original 30.415 km…
Die Besitzerin hatte das Fahrzeug nur für keinere Strecken im Ort benutzt, es stand stets in einer Garage, war bis dato niemals bei Regen, Eis oder Schnee bewegt worden, besaß aber gleichwohl neuwertige Sommer- und Winterreifen. Sein früheres Zuhause war gute hundert Meter von meinem entfernt. Obwohl ich dort täglich vorbeikomme hatte ich ihn in den sechzehn Jahren, die ich hier wohne, noch niemals gesehen. Der Zustand war praktisch neuwertig, innen wie außen.
Der Sierra hat Stufenheck, eine 2,0-l-DOHC-Maschine mit 120 PS, Ghia-Ausstattung mit höhenverstellbarem Fahrersitz, Lendenstütze, Mittelarmstütze, Leseleuchten, Fußraumbeleuchtung, er besitzt noch die echten Fußmatten von 1991, hat Servolenkung, Lenkradverstellung, Nebelscheinwerfer, Zusatzfernlicht, beheizte Waschdüsen, heizbare Heck- und Frontscheibe(!) sowie elektrisch verstell- und beheizbare Außenspiegel. Außerdem sind ABS, Alarmanlage, elektronische Wegfahrsperre, Zentralverriegelung, elektrisches Glasschiebedach und Fensterheber rundum vorhanden.
Was noch dabei war: eine Anhängerkupplung. Nicht dabei waren lediglich Airbags (pfff!), Standheizung oder Klimaanlage, ebensowenig Mängel oder Rost. Nirgends. Selbst unter der Haube glänzte noch die Neuwagenversiegelung des Motorblocks. Henry, der Werkstattmann, hatte nur einige gealterte Gummileitungen, Keilriemen und sämtliche Flüssigkeiten ersetzt und einen Kaltlaufregler für “Euro2″ nachgerüstet.
Ich wollte kein Stufenheck. Und ich wollte kein Dunkelgrau. Ich wollte weder eine Heckschleuder noch überhaupt einen Ford. Allerdings brauchte ich ein Auto und hatte nur 2.500 Euro, und zu diesem Preis war praktisch nichts zu bekommen.
Henry ließ mich probefahren. Er hatte zuvor meinen Astra im Pflege und ließ mich sogar nach Stuttgart fahren, um dessen Entsorgung zu regeln. Das zog. Eine Woche später war der Ford meiner. Ich fahre ihn gern, derzeit rund 10.000 km im Jahr. Zwischenzeitlich machte mal der Leerlauf Probleme, aber eine neue gebrauchte Lambdasonde regelt das jetzt.
Vorige Woche allerdings kriegte ich die Krise. Bei warmem Wetter und Sonne fahre ich gern offen. An jenem Nachmittag zog plötzlich ein Gewitter auf. Nun gut: Knöpfe für Scheibenheber drücken, Knopf für Schiebedach drücken, fertig.
Denkste. Knöpfe sind meist zwar bequemer als Kurbeln, gelegentlich aber auch nicht. “Surrr” – “Pitsch”. Man hörte die Sicherung durchknallen. Dreißig Ampere – einfach so. Zu viele Fenster geichzeitig? Bisher klappte das stets. Nun aber stand er offen: Schiebedach und alle Viere. Meine Idee: Sicherung suchen, ersetzen, fertig.
Handbuch raus, Sicherung gefunden, gezogen: Klar durchgebrannt. Die einzige 30-A-Sicherung im Kasten. Kein Ersatz. Hilfsweise die 25er vom Lüftermotor umgesteckt. Tastendruck, “Pitsch”.
Aus der Werkzeugkiste ein Tapeziernägelchen geschnappt, geköpft, krummgebogen und hilfsweise als “Sicherung” gesteckt – Schiebedach ging zu. Vordere Fenster einzeln – klappte auch. Hinten links - ok. hinten rechts: “Ssss” – “Pitsch”. Das Nägelchen war durch, die Sicherungsfassung leicht angesengt, und ich restlos fertig. Irgendwann kam ich darauf, dass sich an den Rücksitzen ebenfalls Schalter für die hinteren Scheiben befinden. Neuer Nagel, hinteren Schalter betätigt – Scheibe oben. Mittlerweile goss es aus Eimern…
Vier Tage fuhr ich nun immer darauf bedacht, die Heckfenster nicht zu öffnen. Heute überlegte ich mir, dass der Fehler möglicherweise in der vorderen Schaltereinheit sein könnte, und begann, sie auseinanderzupuhlen:
Schaltereinheit auf der Mittelkonsole

Ausbau der Schaltereinheit: zuerst unten, dann oben mit einem kleinen Schraubendreher vorsichtig heraushebeln.

Steckerleisten abziehen.
Gehäuse öffnen: jeweils unterhalb der Schlitze für die Rastnasen vorsichtig den Schraubi ansetzen und hebeln.

Anschließend den Wippschalter-Knopf, der das Durchberennen der Sicherung auslöst, und der in zwei Rast-Nasen steckt, nach oben abziehen. Achtung: darunter befinden sich Kleinteile, die nicht verloren gehen dürfen. Im Knopf stecken zwei Kunststoffstifte, die herausfallen können, und darunter kleine Metallzungen.
Unter den Knöpfen liegen jeweils parallel zwei geprägte Metallzungen. Eine schließt den Kontakt beim Herunter-, die andere beim Hochfahren der Scheibe. Unter dem Knopf für “hinten rechts” war eine Zunge aus der Halterung gesprungen und lag quer über ihrer “Nachbarin”. Das löste bei “Hochfahren” den Kurzschluss aus.
Die Zungen gereinigt, gerichtet, gefettet und wieder ordentlich nebeneinander gebettet, den Knopf aufgesetzt, Schaltereinheit zusammen- und in die Konsole gebaut, die keineswegs normgerechte Nagelbrücke im Sicherungskasten durch eine ordentliche 30A-Sicherung ersetzt, und nun fährt er auf Knopfdruck wieder nach Wahl: “open air” oder “tutto chiuso”.
Zum Glück genügt für solcherlei Reparatürchen selbst beim Sierra noch ein Feinmechanik-Schraubendreher – oder wahlweise eine Nagelfeile.
Doch es soll mittlerweile sogar Autos geben, die nach einiger Zeit des Parkens ihre Fensterscheiben ganz von allein und ohne jeden Knopfdruck runterlassen.
Ich glaube, ein deutscher Hersteller mit Stammsitz in Wolfsburg hatte damit vor kurzem selbst bei Fahrzeugen mit vier Ringen im Emblem, für die er eine ungefähr sechsstellige Summe verlangt, ziemliche Probleme, und da half weder ein kleiner Schraubendreher noch ein großer, und weder Nagel- noch Schrubbfeile…
Fazit: Manchmal sind die altmodischen Handkurbeln doch einfach besser als dieser ganze moderne elektrische Kram…
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Tags:feierabend, ford sierra, macken, sommer, straßenverkehr, youngtimer



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