liebe ist…
Sie sahen einander das erste Mal auf einer Geburtstagsfeier bei gemeinsamen Bekannten. Es war dunkel, es war Abend, es war im Freien. Die Holzscheite in der alten Waschmaschinentrommel knisterten, glühten, sprühten Funken und spendeten Wärme und ein wenig Licht. Er war froh darüber. Seine abgenutzte Kleidung fiel den anderen dabei nicht weiter auf. Bei ihrer ersten Begegnung schon, noch ehe sie ein Wort miteinander gewechselt hatten, wusste er, dass es ihr schlecht ging. Und er wusste, dass sie krank war. Kränker als sie vor sich selbst, vor ihrer Familie und ihren Freunden zugeben würde. Sie sprachen miteinander nur wenige Worte an jenem Abend.
Später erkundigten sich beide bei gemeinsamen Freunden nach jenem Menschen, den sie dort getroffen hatten. Beide erfuhren, dass der andere nicht ganz einfach sei. Sie lud ihn ein. Zum Besuch, zum Kaffee. Er kam, sah die Situation, die kärgliche Umgebung, fand seinen Eindruck von der ersten Begegnung bestätigt.
Er mochte sie. War bereit, sich einzubringen. Er besaß selbst nicht viel. Seine alte Arbeit konnte er infolge einer Erkrankung nicht mehr ausüben, er war seit über einem Jahr arbeitslos, machte im Sommerhalbjahr einen Ein-Euro-Job bei der Stadt. Er erwartete nicht, dass sie ihr Leben nach ihm ausrichtete: Sie war es, die Kinder hatte, Tiere, eine Arbeit, eine Wohnung, die geignet lag und den Bedürfnissen einigermaßen entsprach.
Häufiger besuchte er sie, freute sich darauf, richtete sein Leben auf sie aus. Er half ihr bei Haus und Garten, den Kindern bei den Hausaufgaben, unterstützte sie bei ihrer Arbeit, wenn es ihr schlecht ging, fuhr die Kinder zur Schule, wenn sie verschlafen hatten.
Er sprang ein, als ihr altes Auto nicht mehr verkehrssicher war, unterstützte sie mit dem Wenigen, was er selbst hatte, als die Haustiere krank wurden und vom Tierarzt behandelt werden mussten. Wenn sie mit ihrem Auto im Winter liegen blieb, grub er sein eigenes aus, war zur Stelle und schleppte sie ab. Als für ihren neuen alten Wagen Reparaturen fällig waren, sprang er selbstverständlich ein. Er wusste um ihren prekären Job, konnte sich in die Lage bei einer Privatinsolvenz hineinversetzen. Nie wäre ihm der Gedanke gekommen, für sich selbst etwas zu fordern.
Es war ihm selbstverständlich, für sie und die Kinder alles zu geben, was er hatte. Seine Kraft, sein Wissen, sein letztes Bisschen Besitz – von Schuhen über Kleidung bis hin zum letzten Ersparten. Selbst seine Konten löste er auf bis auf eines. Er bettelte für sie bei der Tafel, zog nachts umher und sammelte Flaschen. Seit Monaten schon konnte er kaum noch schlafen – bestenfalls stundenweise, in kleinen Etappen. Einmal dachte er, nun sei er geeignet für den Wachdienst auf einem Segelschiff. Er brannte immer mehr aus.
Im Frühling spürte er, dass es nicht mehr war wie zuvor. Sie war immer noch krank. Tumore verschwinden nicht einfach. Doch es war anders. Selber zerfressen von seiner Ohnmacht, gegen die Situation ankämpfen zu müssen und nicht die nötigen Mittel zu haben, wurde er nach außen hin immer abweisender. Es war sein eigener Schrei nach Hilfe, der ungehört verhallte. Immer wieder.
Im Sommer endlich bekam er eine Arbeit über einen Verleiher. Eine miserabel bezahlte Drecksarbeit in einer Drecksfirma eine Autostunde entfernt. Schichtarbeit, körperlich auspowernd. An die Stelle der seelischen Ausgebranntheit seiner arbeitslosen Zeit trat nun eine körperliche. Ohnehin kein robuster Typ, nahm er innerhalb eines Vierteljahres fast zwanzig Prozent ab. Sein Gesicht wirkte eingefallen, er bestand nur noch aus Haut und Knochen. Er gönnte sich nichts. Vom kargen Lohn unterstützte er sie und die Kinder und half ihr, die Heizkosten zu stemmen. Er lebte von Brot und Kaffee. Er hoffte, nach einem halben Jahr aus dem Gröbsten heraus zu sein und wenigstens am Lohntag wieder schwarze Zahlen auf dem noch verbliebenen Girokonto sehen zu können.
Im Herbst ging es ihr wieder schlechter. Er war in seiner Wohnung, von der Nachtschicht zurück; er wusste es, rief sie an. Sie gestand, sie sei nicht ganz fit. Er bat sie, ihn in der nächsten Stunde, ehe er sich schlafen lege, zurückzurufen, falls es kritisch werde. Es wurde kritisch. Der Rückruf kam nach dreißig Minuten. Ohne Zögern brachte er sie ins Krankenhaus, erledigte die Formalitäten, fuhr zu ihr, versorgte die Tiere, informierte ihre Verwandten, versuchte zu schlafen, fuhr am nächsten Abend auf die Arbeit, kümmerte sich danach um ihren Sohn und die Tiere…
Aus dem Krankenhaus holte er sie wieder ab, kaufte ein. Drei Tage später erfuhr er per Zufall, dass sie längst einen anderen habe. Er wusste es bereits seit dem Frühling, als sie ihm das erste Mal sagte, dass sie ihn nicht mehr liebe. Am folgenden Wochenende beschloss er, in die Stadt zu fahren um für sich eine Jeans zu kaufen – sein erstes neues Kleidungsstück seit fünf Jahren…
Einsortiert unter:gedankengewürfel, menschen | 2 Kommentare
Tags:armut, liebe, menschen



Es gibt sehr wenige Menschen, die ich kenne, die Gefühle in dieser unvergleichbaren Art von Sensibilität ausdrücken können, wie du.
Ich bin nicht beeindruckt vom Ablauf der Dinge – eher schockiert – mehr aber noch überwiegt – meine Traurigkeit –
“am Anfang war es Liebe”? ……
Hi liebe Gila,
danke für die Blumen, aber ich denke, Gefühle und Eindrücke sprachlich beschreiben, das können viele andere sicherlich besser als ich. Geradezu eine Virtuosin darin ist, wie ich finde, Ghita
Im obigen Text hab ich versucht, für die Beschreibung einer Entwicklung zwischen Menschen, die natürlich betroffen macht, möglichst knappe, nüchterne, sachliche und wertungsfreie Worte zu finden. Diese Wortwahl, und auch die Beschreibung in der dritten Person, kontrastiert natürlich mit dem Inhalt. Dies ist – zugegeben – beabsichtigt.
Aus dem gleichen Grund stehen die Pünktchen hinter “Liebe ist” in der Überschrift. Denn mich interessiert die Frage: “Was ist Liebe?”. Offenbar gehen die Definitionen da weit auseinander, und ich hab für mich selbst wohl noch nicht die geeignete gefunden.
Ist es Liebe, wenn wie oben im Text eine Person sich bis zur Selbstaufgabe einsetzt, oder ist es Liebe, einander täglich zu versichern, dass man den Partner liebt? Wenn man ständig an jemanden denkt? Wenn man jemandem, von dem man immer wieder tief verletzt wurde, über hunderte Kilometer hinterherreist?
Ist es Liebe, Marotten und Launen des Partners zu dulden oder hinzunehmen? Oder das Gegenteil: Eigene Interessen oder Hobbys und Freundeskreis, kleine Freuden des Lebens, zu begraben zugunsten eines Partners, der von Eifersucht zernagt wird?
Oder ist es Liebe, wenn man nach langer Bekanntschaft mit einem Menschen feststellt, dass man oftmals in die gleiche Richtung sah, sich innerlich freut wenn man einander begegnet — und beim weiteren Nachdenken, dass man sich in all den Jahren in Gegenwart dieses Menschen niemals allein oder unglücklich gefühlt hat?
Was ist Liebe? Ich weiß es nicht. Deshalb die Pünktchen
* * *
… und grüß mir den Luisenpark!