herbstgedanken

08Nov11

(zum 11.11.11)

Der Herbst mit seinem weichen Licht, dem morgenlichen Nebel, glitzerndem Tau auf den Fäden der Spinnenetze an Sträuchern und auf dem Gras, mit den südwärts ziehenden Schwärmen der Wildgänse, mit dem phantastisch warmen Bunt der Wälder – der Herbst ist meine schönste Jahreszeit, soweit ich mich zurückerinnern kann. So schaue ich in diesem wunderschönen November 2011 in die Landschaft und mir kommt in den Sinn, was für ein tolles Oktoberwetter doch herrscht.

Oktober – dieser Monat ist für mich das eigentliche Synonym für Herbst. November dagegen verbindet sich in der Erinnerung überwiegend mit “nass, kalt, ungemütlich” und steht für den vorgezogenen Winter: Angefangen bei Allerheiligen und dem für meine längst verstorbene Großmutter damals viel wichtigeren Feiertag Allerseelen – denn an diesem Tag gedachte man eigentlich der verstorbenen Angehörigen.

Ein weiteres Bild in meinem Kopf ist die Traubenernte: Nasses, kaltes Wetter, nasse Rebstöcke, klamme Finger, Matsch an den durchnässten Schuhen, ein Vierzehnjähriger, der sich, die Bütte auf dem Rücken, durch die Reihe der Rebstöcke hinauf zum Weg kämpft, an den gebückten Lesern vorbei, sie sich zum Vorbeistapfenden umdrehen um ihm rasch immer noch einen Eimer Trauben in die sowieso schon schwere Rückentrage schütten. Endlos lang dauert das Steigen bis zum Traktor mit den Anhängern. An deren erstem lehnt eine hölzerne, vom Matsch rutschige Stiege, die noch erklommen werden will – der vorletzte Höhepunkt des Parcours. Der letzte ist das Ausschütten der Bütte über die Schulter in den Traubenbehälter, und zwar ohne dabei selbst mit hineinzukippen… Der Rückweg, hinab mit der leeren Kiepe, ebenso rutschig wie der Aufstieg, war dagegen die reinste Erholung.

Noch weiter zurück entsinne ich mich des Dorffeiertages, des Martinstags. Ein kleiner Junge an der Hand der Mutter oder Großmutter, mit einer Papierlaterne mitten im Dorf, in einem Pulk von Menschen, die allesamt größer waren als er und von denen ebenfalls viele Laternen in der Hand hielten. An das Lied, das alle sangen:

Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Ross, das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut,
sein Mantel deckt’ ihn warm und gut.

Im Schnee, da saß ein armer Mann,
hatt’ Kleider nicht, hatt’ Lumpen an.
“O helft mir doch in meiner Not,
sonst ist der bittre Frost mein Tod!”

Sankt Martin zog die Zügel an,
sein Ross stand still beim armen Mann.
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt
den warmen Mantel unverweilt.

Sankt Martin gab den halben still;
der Bettler stumm ihm danken will.
Sankt Martin aber ritt in Eil
hinweg mit seinem Mantelteil”.

Der kleine Junge sang mit. Er kannte das Lied schnell auswendig. Aber er wusste nicht, was ein Ross war. Im Dorf sagte man “Pert”. Das Problem konnte er später daheim bei einer Fragerunde klären. Das Wetter bei diesem Ereignis war gewöhnlich fast wie in dem Lied: Es war kalt, und ich erinnere mich an Schneeregen, frierende Hände, Zittern und später die wohlige Wärme des holzbefeuerten Küchenherds – das Kälteproblem des Bettlers war hautnah nachvollziehbar.

Die kindliche Frage aber, wieso jemand bei solchem Wetter keine Kleider, sondern Lumpen anhat – “Lumpen” bedeutete für mich damals “Lappen”, ich kannte das Wort als Putzlumpen: “Botzlombe”-  löste sich für mich erst viel später auf.

Unverständlich war auch, wieso der Bettler nicht mehr frieren sollte, wenn ihm Martin nur einen halben Mantel gab: ein Mantel hielt warm, aber nur, wenn man die Knöpfe schloss (Reißverschluss war in der ersten Hälfte der Sechziger Jahre noch nicht Standard). Und vor allem: Ein Mantel hatte zwei Ärmel. Wenn man sich nur einen halben Mantel anzog, konnte der doch nicht warmhalten?

Später wurde mir erklärt, dass der Umhang, den Martin trug, auf den ich im Gewühle einen Blick erhaschen konnte, auch eine Art Mantel war. Womit mir immer noch unklar war, wie ein halber Umhang einen fast nackten Menschen bei diesem Wetter warmhalten konnte.

Auf Martin hatten alle lange gewartet und zumindest der kleine Junge dabei heftig gefroren. Da war nun für ein paar Augenblicke ein weißes Pferd zu sehen, darauf ein Mann mit Schwert, rotem Umhang und Bischofsmütze, und alle sangen unverdrossen das leicht zu merkende und schwer verständliche Martinslied. Ich schreibe “unverdrossen” – eines der unverständlichen Worte war damals “mit leichtem Mut”, ein anderes “unverweilt”. Mich amüsiert bis heute, dass ich mir ausgerechnet die Dinge merken konnte, die ich damals nicht begriff.

In meiner Erinnerung war die Sache mit dem Vorbeizug des Heiligen irgendwann zuende, die innere Kälte beinah unerträglich, und ich fieberte auf das “Märtesfeier”, das Martinsfeuer über dem Dorf, und vor allem auf die Brezel hin, die es geben sollte: Beim Martinszug gab es Brezeln. Wo sie herkamen, war mir gleich. Sie waren das Symbol des Tages, wie später im Ruhrgebiet, wo der Martinstag nicht gefeiert wurde, der Stutenkerl beim Nikolausumzug auf der Trabrennbahn.

Der Martinstag ist auch das Patronatsfest meines Geburtsortes, und es ist der Tag, an dem ich auf die Welt kam. Eigentlich sollte ich wohl auch auf den Namen Martin getauft werden. Irgend jemand, der vermutlich den Dorfdialekt sprach und außerdem die Sprache des nahen Frankreich konnte, hat da aber wohl interveniert: Ähnlich wie Josef im Süddeutschen Sprachraum zu “Sepp”,  wurde zumindest seinerzeit in jenem Ort Martin zu “Märte”, mit Betonung auf dem ä. Was das im Französischen bedeutet, kann der interessierte Leser gern mal nachforschen…

So bekam ich dann hilfsweise den Namen eines anderen Heiligen verpasst, dessen Namenstag im November gleich zweimal auftaucht, nämlich am Zehnten und am Dreißigsten. Nach welchem der beiden Patrone ich nun benannt wurde, hat mich eigentlich weniger interessiert: ich glaube, Großmutter gratulierte mir immer am Zehnten zum Namenstag. Zum Geburtstag dagegen gratulierte sie mir in meiner Kindheit nie. Sie erklärte es damit, dass die Katholischen den Namenstag, den Tag des Schutzpatrons eines Menschen feiern würden – den Geburtstag feierten nur die Protestanten (den Geburtstag Martin Luthers feiern sie im übrigen am Tage vor St. Martin).  Ich nahm es hin, weil meine Oma es sagte, und weil auf meinem Geburtstag sowieso das ganze Dorf feierte und es außerdem Brezeln gab.

Später, schon in der Geschichtsstunde der Schule, verschob sich mein November-”Fokus” dann auf den Neunten. Der, so stellte ich fest, war der eigentliche Feiertag, den es geben sollte: Vom Wiener Kongress über das Ende des Ersten Weltkriegs bis hin zur Reichskristallnacht reichte seine Bedeutung – Dass das Ende der deutschen Nachkiegsteilung ebenfalls an diesem Datum besiegelt werden sollte, daran war damals noch nicht zu denken.

Im Zusammenhang mit dem Mauerfall noch: Im Herbst 1989 verfolgte ich aufmerksam die politische Entwicklung um die DDR: die Flüchtlinge in Polen, in Prag, die Sonderzüge, die Reisebeschränkungen, die Öffnung des Zauns in Ungarn. Am Abend des 9. November, ich hatte Spätschicht, im Hallenbad war wenig los und in der Schwimmeisterkabine lief das Radio, hing ich wie gebannt an den Nachrichten.  Schneller als an jenem Abend hab ich niemals zu Feierabend die Anlage heruntergefahren, abgeschlossen und mich heimgemacht, um fernsehender Weise weiter dabei zu sein, wenn ich schon nicht in Berlin sein konnte.

Die Wichtigkeit des Martinstags für mich hatte schon weit vorher abgenommen. Oben schrieb ich schon, dass es in meiner Heimat im Pott nur den Nikolauszug gab, der keinen Vergleich mit den sonderbar feierlichen Eindrücken aushielt, welche Sankt Martin bei dem kleinen Jungen hinterlassen hatte.

Später bekam der Martinstag noch mal stärkere Aktualität. Da arbeitete ich in Köln, und der 11.11. als Beginn der Fünften Jahreszeit ist dort Nationalfeiertag. Meine liebste “Feierecke” war nicht der zum Karneval von auswärtigen Besuchern überlaufene Altermarkt oder der Heumarkt, sondern das “Fringsveedel”, wo sic hauptsächlich Einheimische auf den Beginn der Session einstimmten.

Leider kann ich in diesem Jahr an jenem Datum nicht nach Köln reisen oder in meinen Geburtsort. Als Ersatz werde ich mir vielleicht eine Brezel kaufen und ein kleines Martinsfeuer auf meiner Terrasse anzünden. Dabei werde ich an die Menschen denken, die mein Leben gestreift haben, es in die eine oder andere Richtung geschubst, mir Anstöße gegeben, Rat oder Hilfe, oder einfach Nähe und Wärme.

All diesen Menschen, ohne Ausnahme, an die ich beim Blick in die Flammen denke, bin ich unendlich dankbar. Dankbar für alles, was sie mich lehrten, mir zeigten oder mir gaben, ob bewusst oder unbewusst. Mir, der ich mich so oft wie ein Bettler fühlte, Fremde in fremder, unverständlicher Sprache um Nähe, Liebe, Geborgenheit bittend. Dankbar für den “halben Mantel”, den sie mir gaben als Schutz gegen die Kälte des Lebens. Und vielleicht ist der Martinstag in diesem Jahr auch kein trauriger, kalter November-, sondern ein bunter, von Farben warmer Herbsttag…

* * *

Beim Schreiben dieses Textes ging mir durch den Kopf, dass ich immer versuchte, nach den Idealen zu leben, die mir jener Namenstag, der dann nicht meiner wurde, in der Kindheit vermittelt hatte: “Gib, was du hast. Es gibt Menschen, die dessen bedürfen”.

Heute allerdings mir fiel mir auf, dass Sankt Martin, so gut gemeint die Legende auch ist,  wahrscheinlich “gut teilen hatte”: gleichgültig ob als römischer Feldherr oder als Bischof von Tours – der vermutlich wohlhabende Heilige wird wohl mehr als nur einen einzigen Mantel besessen haben, und außerdem hat er nur einen halben abgegeben…

;-)



Eine Antwort auf „herbstgedanken“

  1. Ok, ok! Also ich war heute auf der Admin-Seite des Blogs und stelle fest: die meisten Besucher kommen wie gewöhnlich wegen der Birke und, jahreszeitlich bedingt, über die Suche nach “weihnachtslieder kindergarten”.

    Ein Referrer fiel mir allerdings auf, der bestätigt: Nicht nur ich hatte als Kind vor rund einem halben Jahrhundert Verständnisschwierigkeiten beim Martinslied.

    Es fragte nämlich jemand bei ask.com:
    “st. martin, was ist ein halber still?”
    …und landete dann bei diesem Artikel.

    Nun, diese Frage ist ein Anlass, das Liedchen noch ein wenig auseinander zu nehmen:

    > Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
    > sein Ross, das trug ihn fort geschwind.
    > Sankt Martin ritt mit leichtem Mut,
    > sein Mantel deckt’ ihn warm und gut.

    Sankt Martin war bei Schneesturm auf seinem Pferd unterwegs, das gute Kondition hatte. Er hatte gute Laune und seine Kleidung war der Witterung angemessen.

    Die Legende spielt zu einer Zeit (und das Lied stammt auch noch aus einer solchen), als es weder Auto noch Eisenbahn gab. Die meisten Menschen reisten im Sommer und zu Fuß. Ein eigenes Perd, obendrein selbst im Winter wohlgenährt und gut in Schuss, konnten sich nur wenige Reiche leisten. Wer im Winter per Ross unterwegs war, nicht fror und dabei gute Laune hatte, war gewöhnlich eine Person von Bedeutung, hatte Wichtiges vor und wusste jederzeit irgendwo unterkommen zu können.

    > Im Schnee, da saß ein armer Mann,
    > hatt’ Kleider nicht, hatt’ Lumpen an.
    > „O helft mir doch in meiner Not,
    > sonst ist der bittre Frost mein Tod!“

    Das ist, bis auf die Lumpen (s.o. im Artikel) eindeutig. Ein zerlumpter Bettler friert sich bei solchem Wetter im wahrsten Sinne des Wortes nen Ast. Er spricht den vorbeikommenden Reisenden an, ihm irgendwie zu helfen.

    > Sankt Martin zog die Zügel an,
    > sein Ross stand still beim armen Mann.
    > Sankt Martin mit dem Schwerte teilt
    > den warmen Mantel unverweilt.

    Martin bremst seinen Zossen und hat gleich einen Gedanken, dem Armen zu helfen. Er nimmt ihn nicht mit in die nächste beheizte Wirtschaft oder in seinen Bischofssitz. Auf solche Gedanken wäre jemand von Stand nie gekommen. Aber er zerteilt ohne zu zögern (unverweilt) seinen Umhang, gibt dem Bettler die eine Hälfte und ist der Überzeugung, das helfe dem Armen einstweilen.
    An dessen misslicher Lage grundsätzlich ändert das freilich wenig, hat aber wohl mit der Mentalität der Zeit zu tun: Gott weiß, weshalb er den Mann arm machte und wieso jener dann Martins Weg kreuzt (nämlich um ihn zu prüfen und ihn zu erinnern, dass seine Wohlhabenheit nicht jedem gegeben sei und Barmherzigkeit Christenpflicht ist – und Martin springt auf die Prüfung voll an!).

    Im Übrigen war Martin dem Bettler nicht nur durch seine Position – auch auf dem Pferd – überlegen, er war auch bewaffnet: Den Mantel zersäbelte er mit seinem Schwert. Als kleiner Junge dachte ich, es bedürfe geradezu artistischen Geschicks, sich auf dem Pferd sitzend den Mantel auszuziehen und diesen mit mit dem Schwert in zwei Teile zu zerlegen. Obendrein ohne dabei das Reittier zu verletzen: “Absteigen” kommt im Lied ja nicht vor, wäre auch vielleicht dem Bild des heldenhaften Heiligen zuwider gelaufen: Solche Nebensächlichkeiten steigt “man” doch nicht vom hohen Ross!
    Auch diese Fähigkeit Martins trug dazu bei, dass ich ihn bewundete – ganz unabhängig von der Brezel…

    > Sankt Martin gab den halben still;
    > der Bettler stumm ihm danken will.
    > Sankt Martin aber ritt in Eil‘
    > hinweg mit seinem Mantelteil“.

    Martin gibt dem Bettler eine Hälfte seines Umhangs, ohne ihn aber eines Wortes zu würdigen. Der Bettler will sich für die Wohltat erkenntlich zeigen, Martin aber verschwendet keinen weiteren Blick und keine Zeit mehr auf den Armen. Es meint, diesem sei genug geholfen, und macht sich zügig wieder auf die Socken.
    Ist verständlich, wenn man bedenkt, dass dem guten Martin nun ein wenig kälter sein dürfte als zuvor, zeigt aber andererseits auch wieder die Standesunterschiede: Bettler gab es unzählige. Mit “so jemandem” verschwendet ein “Mann von Stand”, selbst wenn er ihm hilft, keine Worte, denn das eigene Streben ist das wichtigste. Man hat geholfen und geht zur Tagesordnung über.

    Sprachlich angelehnt, aber heutigen Denkvorstellungen näher wären wohl Zeilen wie:

    Sankt Martin steg vom Ross herab
    und gab dem Bettler Speis’ und Lab.

    Er schenket auch ein warmes Kleid –
    dem armen Mann, der tat ihm leid.

    Mit dem “Lab” und dem “Kleid” hätte ich wohl als Kind ähnliche Probleme gehabt wie mit den Lumpen oder dem halben “Mantel”, aber die Großen hätten auch das sicherlich erklären können. Die durch diese Worte ausgedrückte Nähe des Heiligen zu dem Bettler als Menschen hingegen hätte ich auch schon als Vierjähriger begriffen. In seiner tradierten Form endete das Lied für den kleinen Jungen dagegen quasi mit einer Flucht des Protagonisten (“hinweg in Eil’…”), ehe noch ggfs. jemand die zweite Hälfte des Mantels hätte begehren können…

    * * *

    Ich weiß, das ist jetzt ein wenig krass, aber mir sind Gedanken wie “warum nimmt er den Armen nicht mit ins Warme und gibt ihm Essen und anständige Kleidung?” oder “was passiert denn nun mit dem Bettler eigentlich?” schon als Kind hochgekommen. —
    Die früheren Menschen sahen das anders: Der Bettler als Mensch ist nicht wichtig. Er ist nur eine Prüfung oder ein Zeichen, mittels dessen das die spontane Mildtätigkeit des Heiligen illustriert wird.


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